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15.10.2015

Umstrittenes Gemeindehaus


Das Holzwickeder Gemeindehaus in frühen Jahren

Der Zeitungsartikel als Faksimile

HOLZWICKEDE. Die Verwaltungsgeschäfte Holzwickeder Bürger wurden seit 1806 durch die Amtsverwaltung Aplerbeck erledigt. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts hatte die Gemeinde Holzwickede einen Bauernboten für kleinere Botengänge beschäftigt.

Als der Rat am 9. September 1913 beschlossen hatte, in Holzwickede ein eigenes Gemeindehaus als Amtsnebenstelle zu errichten, konnte die Bevölkerung sich nicht sogleich damit anfreunden. Ganz im Gegenteil. Auf ihre Entscheidung vom 9. September 1913 ernteten die Politiker in der Presse heftigen Gegenwind.

Wir haben hier zur Illustration einen Zeitungsartikel aus dem Gemeindearchiv als Faksimile und im leichter lesbaren Transkript für unsere Leser:

[Das Transkript:]

Das Gemeindehaus in Holzwickede.

Vor ca. 3 Wochen ist von der Gemeinde-Vertretung in Holzwickede die Errichtung eines Gemeindehauses beschlossen worden. Als Bausumme ist der Betrag von 80 000 Mark bewilligt. In dieser Summe fällt nicht der Preis für einen Bauplatz, da das Gebäude auf dem der Gemeinde gehörigen Marktplatz Aufstellung findet. Der Beschluß gibt zu verschiedenen Bedenken Anlaß.

Holzwickede ist ein Dorf von 6300 Einwohnern. Die Gemeindeschuldenlast beträgt 180000 Mark. Als alleinige Einnahmequelle kommen die Kommunalsteuer in Frage. Der Steuersatz beträgt 205%. Holzwickede ist in seiner künftigen Entwicklung von zwei Faktoren - dem in der Gemeinde gelegenen Steinkohlebergwerk Caroline und dem Bahnhof Holzwickede abhängig.

"Caroline" beschäftigt wenigstens 3/10, die Bahnverwaltung wenigstens 4/10 der männlichen Seelenzahl der Gemeinde. Den Rest bilden Kaufleute und Handwerker, deren Existenz durch die Lebensbedürfnisse der Zechen- und Bahnangestellten bedingt ist, ferner Landwirte, Lehrer, Aerzte etc. Die Zeche existiert seit den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts und besitzt nach autoritativer Angabe und Voraussicht noch für ungefähr 60 Jahre Kohle. Die Belegschaft ist seit den Jahren des Betriebes wesentlich konstant, mit Ausnahme einer im Jahre 1912 gemachten Einstellung von ca. 120 Leuten, die bei der Außerbetriebsetzung der benachbarten Grube "Freiberg" übernommen sind.

Die Bahn zeigt infolge der Wichtigkeit als Knotenpunkt zweier bedeutender Eisenbahnstrecken im Industriebezirk eine ständige Vermehrung der Angestellten. Allzu große Hoffnungen dürfen jedoch hierdurch nicht auf das ferne Wachstum der Ortschaft gesetzt werden, da, infolge jederzeit eintretender Betriebsveränderungen eine wesentliche Einschränkung des Eisenbahnverkehrs und ein Sinken der Einwohnerzahl erfolgen kann. Erinnert sei an die im vergangenen Jahr von der Eisenbahnverwaltung gehabte Absicht einer Verlegung der bedeutenden Güterumladehalle von Holzwickede nach Hamm. Nach Lage der tatsächlichen Verhältnisse kann danach nur von einem Industriebezirk normalen, keinesfalls sprunghaften Entwicklung gesprochen werden. Dementsprechend war auch die Vermehrung der Einwohnerzahl von Holzwickede, das

1890 = 3000
1895 = 3513
1900 = 4617
1905 = 5236
1910 = 6053
1913 = 6300 Seelen zählte.

Der normalen, ruhigen Entwicklung und dem voraussichtlichem Wachstum von Holzwickede entspricht danach nicht dem Bau eines so kostspieligen Hauses. Zum Bau können demnach überhaupt nur Erwägungen veranlassen, die die Errichtung notwendig erscheinen lassen.

Die den Gemeindemitgliedern bleibenden Räumlichkeiten befinden sich bisher in Mietsräumen; es kommen in Betracht

1. das Gemeindebüro für das ein jährlicher Mietzins von 400Mark gezahlt wurde;

2. der unentgeltlich in einer Schule zur Verfügung gestellte standesamtliche Raum.

Das neu zu erbauende Gemeindehaus soll der Aufnahme dieser Räume dienen. Hinzu kommen sollen ferner die in Holzwickede befindliche Zweigstelle der Amtssparkasse Aplerbeck und ein Vernehmungszimmer der Polizeibehörde. Die übrigen Zimmer entfallen auf einen im Kellergeschoß in Aussicht genommenen Wirtschaftbetrieb, die oberen Stockwerke auf Wohnungen. In der dargestellten Weise soll auch nach laut gewordenen Aeußerungen das Gemeindehaus benutzt werden. Fürwahr in Anbetracht der bewilligten Summe ein kostspieliges Unternehmen. Es wurde betont, daß der Bau des Hauses aus Sparsamkeitsrücksichten veranlaßt werde, der Beweis fehlt! Setzt eine Ausgabe von 400 Mark für das Gemeindebüro und 300 Mark Mietentschädigung des Gemeindesekretärs, demgegenüber steht der Zinsbetrag von 2000 Mark.

Dieser Betrag soll gedeckt werden

1. durch den Wegfall der Miete des Gemeinebüros und der Mietentschädigung an den Gemeindesekretär;

2. durch Einnahme aus Vermietung eines Sparkassenraumes und einer ev. einem Sparkassenbeamten zu gewährende Wohnung;

3. durch Einnahme aus der Verpachtung der Wirtschaft.

Der von der Sparkasse zu erzielende Betrag wird auf ca. 1000 Mark geschätzt. Für den fehlenden Restbetrag ist danach das Restaurant verantwortlich; Optimisten schätzen die jährliche Pachtabgabe auf 2000 Mark ein. Die Gesamtsumme der hier eingestellten Miet- und Pachteinnahmen von 3700 Mark erreicht nicht die Zinssumme von 80 000 Mark, die auf 4000 Mark zu berechnen ist, wobei die Tatsache vorläufig außer Erwägung bleiben soll, daß die Bausumme erfahrungsgemäß überschritten wird.

Fraglich ist nach jeder Richtung , ob der Wirtschaftsbetrieb im Stande ist, die für die Holzwickeder Verhältnisse hohe Summe von 2000 Mark abzuwerfen. Das Restaurant soll auf den Geschmack besser situierter Leute zugeschnitten werden. Derartigen Gasthäusern ist im Industriebezirk auf einem Dorfe keine Rentabilität gesichert. Holzwickede macht hier gewiß keine Ausnahme. Das Restaurant liegt ferner in nächster Nähe alter schon bestehender Wirtschaften. Ein Bedürfnis, ein Umstand, der für den Antrag auf Errichtung eines Wirtschaftsbetriebes seitens der Gemeinde allein maßgebend sein sollte, und nach der Gemeindeordnung (§33) auch für die Verleihung bestimmt ist, existiert nicht. Durch das neue Restaurant wird den alten ein großer Kundenkreis entzogen.

Vom Standpunkt jeder Kommunalpolitik ist es nicht empfehlenswert zur Deckung von Gemeindeeinrichtungen dem einheimischen Gewerbe eine bedeutende Erwerbsmöglichkeit zu beschränken. Dies um so mehr, wenn die Gemeindeeinrichtung nicht einer unbedingten Notwendigkeit entspricht.

Unter den geschilderten Umständen erscheint es fraglich, ob der Bau eines Gemeindehauses ein Erfordernis ist, zumal noch vor 4 Jahren von der Gemeindevertretung die beantragte Anstellung eines Gemeindessekretärs als überflüssig abgelehnt wurde. Die in wirtschaftlich wesentlich gleicher Lage befindlichen gleich großen aber an Einwohnerzahl größeren benachbarten Landgemeinden wie Sölde, Aplerbeck, Schüren, Wickede etc. halten ihrerseits das Vorhandenseins eines Gemeindehauses nicht für nötig. - Andererseits soll nicht verkannt werden, daß die Zentralisation der dem Gemeindeverkehr dienenden Räumlichkeiten von großem Vorteil für Gemeindeglieder und deren Beamte ist. Zu dem Bau eines solchen Hauses ist die Summe von 80 000 Mark bei weitem zu hoch und für das zu Schaffende überaus reichlich bemessen. Es kann leicht ein Haus geschaffen werden, das später bei nötiger Erweiterung einen Ausbau erfährt. Dadurch braucht die Einheitlichkeit und der Stil des Gesamtgebäudes keineswegs gefährdet zu werden. Die moderne Baukunst schafft ein solcher Bau keinerlei Schwierigkeit. Vor der Grundsteinlegung sind aber noch wesentliche Hindernisse zu berücksichtigen. Der als Bauplatz in Aussicht genommene Markplatz ist nach den Akten der Spezialkommission bei der wirtschaftlichen Zusammenlegung der Ländereien von der damaligen Eigentümerin der Gewerkschaft "Caroline" der Gemeinde nur unter der Bedingung überwiesen, daß kein Gebäude auf ihm errichtet würden. Bei Schädigung des Gebäudes durch den Bergbau, ein Fall, der in Holzwickede in zahlreichen Häusern sich ereignet hat, wäre eine Ersatzpflicht der Zeche nicht begründet. Dieser Zustand bedarf der Beseitigung.

Desweiteren wird voraussichtlich in dem Gemeindehaus von der Verwaltungsbehörde kein Wirtschaftsbetrieb erlaubt werden, da das Restaurant unmittelbar gegenüber der an dem Marktplatz angrenzenden ca. 60 Meter entfernt liegenden evgl. Kirche gelegen ist und keine Häuser, sondern nur der leere Luftraum Kirche und Wirtschaft trennt. Die Versagung der Konzession aus diesem Grunde ist des öfteren von der Verwaltungsbehörde ausgesprochen, und in hiesiger Gegend durch den Kreisausschuß hinsichtlich eines Konzessionsgesuches, das die Anlegung eines Restaurants gegenüber der kath. Kirche in Schwerte nachsuchte, vor kurzer Zeit praktisch angewandt. Kein Absehen von den vorher erwähnten Bedenken, die gegen Erteilung einer Konzession sprechen, ist die Verleihung durch die Nähe der Kirche in Frage gestellt. Ein Versagen der Konzession dürfte wegen Wegfall einer bedeutenden Einnahmequelle auf den Bau schwerwiegend ins Gewicht fallen.

Will die Gemeinde trotz aller Bedenken ein Gemeindehaus ausführen, so entspricht es wohl der Billigkeit dabei, zugleich in ihm irgend eine Einrichtung aufzunehmen, die allen Gemeindemitgliedern in gleicher Weise zu Gute kommt. Das ist bei einem Ratkeller, zumal einen für besser situierte Bürger eingerichteten, nicht der Fall. Darum nochmals keinen Ratskeller! Ein gemeinnütziges Unternehmen, wie z.B. ein Lesesaal mit ausliegenden Zeitungen und Zeitschriften, deren Beschaffung zu einem sehr niedrigem Preise, teilweise kostenlos geschehen kann. Dieses Zimmer müßte Jedem unentgeltlich zu freiem Aufenthalt offen stehen. Es könnten in dem selben Raum teilweise als Wandschmuck statistische Karten und Ausstellungen über unser Wirtschaftsleben, Gesundheitslehre etc. Unterkunft finden. Jeder, der Gelegenheit hatte, einen solchen Raum zu besuchen und zu benutzen wird mit Dankbarkeit an die ihn dort erworbene Anregung und Förderung zurückdenken. Insbesondere gilt dies für die jedermann leicht verständlichen und interessanten statistischen Übersichtstabellen. Eine solche Einrichtung wird gewiß auch in Holzwickede Anklang finden, sie dient daneben zu jedermanns geistiger Erholung und Belehrung. Die Kosten sind äußerst gering. Ein geeigneter Organisator wird sich leicht in Holzwickede finden. Dieses Lesezimmer, neben dem bisher in der Schule befindliche Bibliothek unterzubringen wäre, müßte so eingerichtet sein, daß es evtl. auch für kleinere Vorträge, Lichtbildervorführungen usw. geeignet wäre; wurden doch schon von einem Holzwickeder Arzt vor einigen Jahren Vorträge über Gesundheitslehre in dessen eigener Wohnung gehalten.

Die über das Lesezimmer geschriebenen Zeilen enthalten nur einen Vorschlag , der, wenn auch dem Interesse der Gesamtheit der gemeindeangehörigen dienlicher als ein Ratskeller, ja noch stets einem noch besseren das Feld räumen wird.

Verfügt die Gemeinde über derartig große Mittel, wie es durch den Beschluß der Errichtung eines Gemeindehauses von 80 000 Mark den Anschein hat, so mögen mehr Mittel für gemeinnützige Zwecke zur Verfügung gestellt werden, so z.B für Jugendpflege (Spiel und Sport) und Unterstützung würdiger Armen durch längeres Fortsenden in Erholungshäuser. Ausgaben für diese Zwecke sind dringender und wichtiger als ein prunkener Gemeindehausbau. In Zukunft können an die Gemeinde wichtigere Aufgaben herantreten, als die Errichtung eines pompösen Gemeindehauses. Für diese fehlt dann Geld und Kredit.

Das Gemeindehaus ist nach der vorhandenen Skizze, ein imposanter, zweistöckiger Bau. Er enthält einen ausgebauten Keller und ausgebaute Dachgeschosse. Der Hauptbau mit einem hohen gebrochenen Giebel auf dem Westflügel hat die Front von elf Fenstern in der Länge und 4 bzw. 5 Fenstern in die Tiefe. Den Eingang umgibt eine große zweigeteilte Freitreppe mit Galerie und Springbrunnen. Ueber dem auf der Breitseite befindlichen Ratskellereingang erhebt sich ein eckiger vielfenstriger in ein rundes Dach auslaufender Turm. Das Dach zieren zwei weitere Türme. Ein zweistöckiges Nebengebäude mit Erker und Dachreiter schließt sich an das Hauptgebäude an. Beide Gebäude sind im modernen Renaissancestil gehalten mit Ausnahme der Barocken Dachausschnitte ( Dachreiter) und beiden Portalen. Der Bau kann erfolgreich mit großstädtischen, öffentlichen Gebäuden wetteifern. Für Holzwickede wirkt er zu prunkhaft , zu schwer. Er paßt nicht in das Gesamtbild der Umgebung.

Eine offene Frage bleibt dazu noch, was mit der Unmenge von überflüssigen Räumen* geschehen soll. Trotz der hohen Bausumme sind nach verbürgter Angabe im Kostenaufschlag nicht alle Kostenpunkte berücksichtigt. Es ist gänzlich das Legen eines Betonrostes, dessen Anlage zur Verhütung von Bodensenkungen bei dem in Holzwickede betriebenen Bergbaus nötig ist, außer Ansatz geblieben. Angesichts dieser Tatsache und der Erfahrung, das Kostenanschläge stets überschritten werden, kann man mit einer ungefähren Summe von 10 000 Mark rechnen. Eine namhafte Summe mit der Wichtigeres geleistet werden kann!

Es steht zu hoffen, daß bei der Lage der Dinge der Kreisausschuß Hörde von dem ihm zustehenden Genehmigungs- und Aufsichtsrecht durchgreifenden Gebrauch macht!

*)Hier haben wir einen offensichtlichen Rechtschreibfehler korrigiert (s. auch die humorvolle Ansicht dazu).

[Quelle: Gemeindearchiv. Der Name der Zeitung ist nicht vermerkt.]

Beitrag geändert am 19.10.2015: die Einleitung wurde um geschichtliche Details erweitert.

 




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